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ПОГОСТ-ТЕГЕЛЬ

VERITAS NIMIS SAEPE LABORAT EXSTINGUITUR NUMQUAM

Alexander Klünder. Berlin 2012

Die Russisch-orthodoxe Kirche in Berlin Tegel. Die Geschichte

Orthodoxe Kirche in Deutschland bis Jahr 1914

Laut Aussage von Erzbischof Longin von Klin in seinem Artikel «Die Russische Orthodoxe Kirche in Westeuropa», der in der Zeitschrift «Die politische Meinung» Nr. 475 im Juni 2009 veröffentlicht wurde, die erste orthodoxe Gottesfeier in deutschen Ländern haben bereits 1655 in Königsberg stattgefunden. In der Folgezeit wurden auch in anderen deutschen Städten und Dörfern orthodoxe Gemeinden und rechtgläubige Gotteshäuser errichtet. Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland bereits 24 orthodoxe Gemeinden an 21 Orten.

Hier ist, was wir im Artikel der Priester der Russischen Kaiserlichen Botschaftskirche in Berlin, Erzpriester Alexej Petrowitsch Malzew herausgegeben «Deutschland in kirchlich-religiöser Hinsicht» (herausgeben im Orthodoxe Enzyklopädien in St. Petersburg am Anfang des vorigen Jahrhunderts) lesen können:

«...Über das Gesicht des deutschen Territoriums unter der großen Römisch-Katholischen und Protestantischen Gotteshäusern fanden für sich Platz unserer russischen orthodoxen Kirche, teilweise in Form von einzelnen besonderen Tempel, teilweise in den Häusern bei den Russischen Botschaften und Missionen in folgenden 21 Städten und Dörfern:

  • 1718 in Berlin mit den zugeschriebenen Gotteshäusern
  • 1808 in Ludwigslust
  • 1824 in Rothenberg
  • 1829 in Potsdam
  • 1846 in Stuttgart mit den zugeschriebenen Gotteshäusern
  • 1851 in Remplin
  • 1861 in Wiesbaden mit den zugeschriebenen Gotteshäusern
  • 1862 in Weimar
  • 1865 in Karlsruhe
  • 1874 in Dresden
  • 1876 in Bad Ems
  • 1879 in Coburg
  • 1879 in Schwerin
  • 1882 in Baden-Baden
  • 1893 in Tegel
  • 1895 in Gotha
  • 1899 in Homburg vor der Höhe
  • 1899 in Darmstadt
  • 1901 in Kissingen
  • 1901 in Herbersdorf
  • 1901 in Hamburg

Außer den Russischen Kirchen befinden sich in Deutschland auch Griechische und Rumänische orthodoxe Gotteshäusern:

  • 1834 in München
  • 1847 in Leipzig
  • 1867 in Baden-Baden (die Rumänische orthodoxe Kirche Sturdza)

Gesamt 24 Orthodoxe Gotteshäuser.

Hier muss man noch anfügen:

  • 1807 in Dorf Fedorwalde, in der Nähe der Stadt Alt Ukta (Gemeindehaus Glaubensgenossen die sich in Ostpreußen befinden).

Die Gotteshäuser, die zur Weimarer Kirche zugeschrieben sind:

  • 1902 in Marienbad
  • 1880 in Franzensbad,

befinden sich innerhalb der Österreichischen Monarchie und gehören nicht hierher.

Aus den erwähnten Kirchen, einige bestehen bei den kaiserlichen Russischen Botschaften und Missionen (Berlin, Dresden, Stuttgart), andere gehören zu den Höchsten Einzelpersonen des regierenden Russischen Haus (Holsteiner-Gotha, Schwerin, Karlsruhe, Remplin), die dritte sind die Grabstein-Bauten auf der Ruhestätte des Königshauses (Wiesbaden, Rottenberg, Weimar, Ludwigslust), die vierte – bestehen bei der Kur (Baden-Baden, EMS, Kissingen, Homburg, Herbersdorf), an Orten die meist die kranken Russen besuchen und schließlich die Kirche, welche durch die besonderen historischen Bedürfnissen entstanden, wie z.B. in Potsdam bei der Russischen Kolonie Alexandrowka oder nach den lokalen Bedürfnissen, wie die Kapelle bei der brüderlichen orthodoxe Friedhof nähe Tegel.…»

In der Zeit nach dem Schreiben dieses Buches und zu Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden in Deutschland noch Orthodoxen Kirchen gebaut in folgenden Städten:

  • 1908 - Bad Brückenbau
  • 1908 - Bad Nauheim
  • 1912 - Bad Wildungen
  • 1913 - Danzig
  • 1913 - Leipzig

Geplant war auch der Bau der Orthodoxen Kathedrale des Heiligen Apostel Andreas der Erstberufene in Berlin...

 

Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche in Berlin von Ihrer Geburt bis zum Ausbruch der Ersten Weltkrieg

I

Einer amtlichen Statistik aus dem Jahr 1903 zufolge lebten auf deutschem Territorium zu diesem Zeitpunkt sechsundzwanzigeinhalb Tausend russische Staatsbürger und 7000 Slawen mit orthodoxem Glauben.

In Berlin gab es seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts orthodoxe Gemeinden im Umkreis der russischen Gesandten am preußischen Hof. Die Gottesdienste fanden in Privathäusern statt, die die russische Regierung für die Gesandten anmietete. Ein entsprechendes Zimmer war von außen weder sichtbar noch unterschied es sich von den anderen Zimmern. Die Gemeinde des Gesandten folgte diesem von Ort zu Ort. In Berlin gab es eine erste solche Kirche beim Botschafter Graf Alexander Gawrilowitsch Golowin 1718 unter Leitung des Priesters Gerasim Titow.

Die erste feste Kirche mit eigenem Haus war 1838 die der Heiligen Apostelgleichen des Großfürsten Wladimir neben der Botschaft des Russischen Imperators in Berlin, Unter den Linden 7.

Dieses Gotteshaus wird von Alexij Malzew wie folgt beschrieben:

Die Kirche befindet sich in der unteren Etage zwischen dem ersten und dem zweiten Hof, fünf Fenster gehen auf den zweiten Hof. Von außen sind weder ein Kreuz noch Glocken zu sehen, so dass niemand auf die Idee kommen würde, dass sich im Flügel ein Gotteshaus befindet. Diese Kirche bot Platz für maximal 150 Menschen.
Die Beschreibung der Ikonen in der Kirche (untenstehend) ist für den Film zu ausführlich, da sie sich nicht auf die gezeigte Kirche in Tegel bezieht!

Das Gebäude Unter den Linden 7 war vom Imperator Nikolai am 30. Oktober (11. November) 1838 für 93 000 Taler von der Herzogin Sagan erworben worden. Nikolai war mit der preußischen Prinzessin Alexandra verheiratet, der Tochter des Königs Friedrich     Wilhelm III. und wünschte daher für seine Aufenthalte in Berlin ein eigenes Haus zu besitzen.

Noch immer war aber kein orthodoxes Gotteshaus in Berlin erbaut worden, obwohl es hier schon Tausende rechtgläubige Christen gab und weitere Gläubige zeitweise aus verschiedenen Gründen nach Berlin reisten. So reifte die Notwendigkeit des Baus einer orthodoxen Kirche und des Anlegens eines Friedhofs heran.

Am Ende des 19. Jahrhunderts erstreckte sich die Siedlung Tegel etwa 10 Kilometer von der nördlichen Stadtgrenze Berlins entfernt auf dem Gebiet der heutigen Seestraße.

Das Schicksal wollte es, dass gerade hier neben Tegel das erste orthodoxe Gotteshaus Berlins entstand.

Dieses war ursprünglich als Kapelle im Zentrum des ersten und noch immer einzigen orthodoxen Friedhofs in Deutschland gedacht, der 1893 dank der Anstrengungen der rechtgläubigen Heiligen Wladimir-Brüderschaft begründet wurde.

Diese Brüderschaft wurde 1890 vom Priester und Vorsteher der Berliner Botschaftskirche Alexij Petrowitsch Malzew errichtet und unterstützt durch die Gunst des imperialen Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch Romanow, des leiblichen Bruders des Zaren Alexander III.

Die Satzung und der Status der Heiligen Wladimir-Brüderschaft in Berlin und ihr erster Vorsitzender, der damalige russische Botschafter Graf Pawel Andrejewitsch Schuwalow, wurden vom Preußischen Innenministerium per Erlass vom 29. März (10. April) 1890 bestätigt.

Der Satzung zufolge gehörte zu den Aufgaben der Heiligen Wladimir-Brüderschaft nicht nur die Wohltätigkeit sondern auch die religiös-sittliche Tätigkeit und hier insbesondere die Errichtung neuer und der Erhalt bestehender orthodoxer Gotteshäuser außerhalb des Russischen Imperiums.

Am 13. Oktober 1892 wurde im kleinen Dalhof bei Tegel, einer sandigen, wenig bebauten Fläche, zwischen der Brüderschaft und dem vormaligen Besitzer, dem Bauern Robert Jahn der Kauf eines Landstücks in der Größe von 3 Zehnteln getätigt.

Am 21. Mai 1893 wurde hier unter reger Anteilnahme orthodoxer Christen (Russen, Serben, Griechen, Rumänen...) die Erde des Friedhofs geweiht und der Grundstein für das zukünftige Gotteshaus der Heiligen Apostelgleichen Helena und Konstantin gelegt. Den Segen erteilte der Metropolit von St. Petersburg.

Mit dem Bau der Kirche wurde der deutsche Architekt Bohm beauftragt, der bereit war, ohne Lohn das Projekt nach vorliegenden Beispielen zu planen und die Bauarbeiter anzuleiten. Das Bauwerk kostete 45.000 Reichsmark, damals etwa 23.000 Rubel aus der Kasse der Bruderschaft.

Genau ein Jahr später, am 21. Mai 1894, konnte der Gottestempel vom St. Petersburger Metropoliten eingeweiht werden und funktioniert seitdem ununterbrochen ungeachtet äußerer Ereignisse. Selbst unter den Bombenteppichen des II. Weltkriegs stellte er seine Arbeit nicht ein.

Der Vorsteher Alexij Malzew beschreibt die Kirche so:

«Das steinerne Bauwerk mit braunen Klinkerziegeln und Karnisen aus Sandstein verfügt über 5 Türme. Aus Sicht der Architektur kann der Stil als byzantinisch-russisch beschrieben werden. Der für russische Bauwerke des XVII. Jahrhunderts typische Stil zeigt sich vor allem am Vordach und dem Eingangsbereich mit einer zehnstufigen Treppe.

Das Innere der Kirche ist mit Gemälden und Ornamenten geschmückt, dazwischen spannen sich vier Steinbögen mit slawischen religiösen Aufschriften. (...)

Die Kirche erfreut die Seele durch die Fülle des Lichts, das durch vier große Fenster in der Kuppel und durch ein weiteres Fenster im unteren Teil des Bauwerks fällt. Es beleuchtet sanft die goldene Ikonenwand im wunderbaren russischen Stil, ein Geschenk des Staatsrats A. G. Jelisseev.

Die Ikonen wurden vom St. Petersburger Künstler Kasponow ausgeführt. Besonders zu erwähnen sind die Sergij-Ikone und die Ikone der Tchernigow-Wundertätigen, für die Bruderschaft gesegnet vom Moskauer Metropoliten Sergij und Woronesher Erzbischof Anastasij.

Bei den Kirchgängern besonders beliebt sind die Muttergottes-Ikonen, die dem Gottestempel von den Ältesten Parfenij und Detasij des heiligen Kloster auf dem Berg Athon geschenkt wurden. Gottesdienste werden vor diesen Ikonen abgehalten, die Gläubigen beten vor diesen Ikonen und tragen ihnen ihre Anliegen vor.

Am Eingang des Friedhofs steht ein Glockenspiel mit fünf harmonisch gestimmten Glocken in einem steinernen Gemäuer, ebenfalls ein Geschenk von A. G. Jelissejev.»

Zu dieser Zeit war die Stadtfläche Berlins etwa ein Drittel der heutigen Fläche. Im Laufe von ca. hundert Jahren wuchs Berlin und schluckte den Ort Tegel, der inzwischen zu den Stadtbezirken gehört.

Und mittendrin im steinernen Moloch der riesigen Metropole liegen wie ein Splitter vom Fels des russischen Imperiums zwei Hektar Land, ein Friedhof mit einer kleinen Kirche drin. Die dort bestatteten treuen Soldaten und verdienstvollen Untertanen Russlands hätten es verdient, dass die Gräber in Ordnung gebracht und die Kreuze auf den Gräbern beschriftet würden. Russland ist weit weg und wer weiß, ob und wann sich jemand je darum kümmert...  

 

 

Erzpriester Alexei Petrowitsch Malzew
und die orthodoxe St.-Vladimir-Bruderschaft in Berlin

 

Grundsteinlegung, Bau und Einweihung der Kirche der Heiligen apostelgleichen Könige Helena und Konstantin in Berlin

Quelle:

  1. Erzbischof Longin von Klin - «Die Russische Orthodoxe Kirche in Westeuropa», Politische Meinung, Nr.475, Juni 2009, Seite 49.
  2. Schlickeiser Klaus «Borsigwalde - einst und jetzt. Wohnen und Industrie». Berlin, 1989.
  3. Wendlandt, Wolf-Borwin / Koop, Volker (Hg.) - «Ein Stück Russland in Berlin. Die russisch-orthodoxe Gemeinde Reinickendorf». Berlin, Brandenburgisches Verlagshaus, 1994.
  4. Die orthodoxe theologische Enzyklopädie. Herausgegeben von Alexander Pawlowitsch Lopuchin. St. Petersburg 1900 - 1911, Band 4, S. 265 - 296..
  5. К 15-летию Князь-Владимирского Братства. Berlin, Selbstvelag des Vereins Bratstwo, 1906.
  6. Der Hierarch Johannes (Maximovitch) - «Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland».
    Die Zeitschrift «Der Russische Mönch». Dreifaltigkeitskloster (Jordanville), die Druckerei des ehrwürdigen Hiob von Potshcaew, 1996.
  7. Baljuk Nikolai - «Die Geschichte der Orthodoxen St.-Fürst-Wladimir-Bruderschaft in Deutschland von 1890 bis 2007». Minsk, Priesterseminar, 2007.
  8. «Die orthodoxe Heilige-Fürst Vladimir Bruderschaft in Berlin». Die Zeitschrift «Kirchliche Anzeiger», Jahr 1890, Nr. 38, S. 1286; Jahr 1891, Nr. 30, S. 1018.

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